
Persönlichkeitsmerkmale bei Hörsturzpatienten
H. Greuel / Institut für Psychosomatik, Düsseldorf
Trotz verschiedener äthiologischer Hypothesen läßt sich fast immer der Hinweis finden, daß unmittelbar vor dem Eintritt des Hörsturzes psychische Streßsituationen auf den Patienten eingewirkt haben.Das auslösende Lebensereignis findet meist vor dem Hörsturz statt. Es kann sich aber auch nachher einstellen. Im letzten Falle ist das Ereignis unaufhaltsam und führt schon früher zur seelischen Belastung.
In Streßsituationen finden über den Sympathicus und über die Hypophysen-ACTH-Nebennierenrindenachse und Nebennierenrindenhormon entsprechende Stoffwechselveränderungen statt, so daß die beobachtete Bereitschaft zu Gefäßspasmen, akuter erhöhter Thrombenbildung und Veränderung der Blutviskosität mit Streß in ursächlichen Zusammenhang gebracht werden kann. Diese Erkenntnisse sind im Rahmen der Herzkreislaufforschung als gesichert anzusehen.
Der Kopfbereich mit seiner reichen Versorgung mit Blutgefäßen und mit gefäßbegleitenden sympatischen Nervengeflechten bietet offenbar einen empfindlichen Ansatzpunkt für Beschwerden im Bereich des Hör-und Gleichgewichtsorgans. Eine Störung der Mikrozirkulation und damit der Sauerstoffversorgung führt zur Funktionsschwäche oder zum Totalausfall des entsprechenden Sinnesorgans, zumal das Innenohr von einer Endarterie versorgt wird und sich kein Kollateralkreislauf ausbilden kann.
Oft kommt es innerhalb einiger Tage zur Spontanerholung des Gehörs, wobei wohl eine Vita minima der Sinneszellen durch einen überwiegend anaeroben Stoffwechsel aufrechterhalten wird. Trotzdem ist der Hörsturz als Notfall anzusehen und einer Notfallbehandlung zu unterziehen, die zum einen auf Entspannung und Abschirmung von Streß und zum anderen aus einer Korrektur der vegetativen Fehlfunktion des Hörorgans besteht. Außerdem sollte, auch um Rezidiven vorzubeugen, ein Bewußtmachen der Konflikte stattfinden, die durch Persönlichkeitszüge von Hörsturzpatienten entstehen und oben genannte Streßsituationen provozieren. Der die Krankheit auslösende Streß besteht meist auf belastenden Lebensereignissen, die entweder vom Patienten auf Grundbestimmter Persönlichkeitsmerkmale provoziert wurden oder die zu den bereits bestehenden Dauerbelastungen in Form von schicksalhaften Ereignissen hinzukommen.
Der Hörsturzpatient erfährt wie andere Menschen in gleicher Häufigkeit schicksalhafte Lebensereignisse, provoziert aber aufgrund noch zu beschreibender Charakterzüge selbst entsprechende Lebensereignisse.
Ereignisse, welche die normale Lebensroutine unterbrechen, erfordern eine erhöhte Anpassungsleistung des Betroffenen. Das gilt nicht für alle Ereignisse gleichermaßen, sondern in erster Linie für solche Ereignisse, welche unerwünscht, unerwartet, unbeeinflußbar oder mit negativen Folgen behaftet empfunden werden. Der Eintritt bestimmter Arten von Lebensereignissen kann ebenso wie die Anhäufung verschiedener Ereignisse in einer kurzen Zeitspanne für das Individuum so belastend werden, daß die normalen Bewältigungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichen. Emotionale Spannungszustände, exzessive neurohormonelle und pathophysiologische Reaktionen treten daher als Folgezustände gehäuft auf. Sie führen dann, wenn bereits disponierende Risikofaktoren für die Entwicklung organischer Erkrankungen gegeben sind, mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zum Ausbruch der nachfolgenden Erkrankungen. Bestimmte Arten von Lebensereignissen können ebenso wie die Anhäufung verschiedener Ereignisse in einer kurzen Zeitspanne Ausdruck der Persönlichkeit eines Menschen sein.
Zum Beispiel sind aktive, erfolgreiche und in verantwortlichen Positionen befindliche Personen häufiger Konfrontationen, Schwierigkeiten, Gefahren und Ängsten ausgesetzt, als zurückgezogene, inaktive, leicht zufriedenzustellende Menschen.
Die unter Dauerbelastung stehenden Hörsturzpatienten werden mit folgenden als lösende Situationen zu bezeichnenden Lebensereignissen konfrontiert:
1. schicksalhaftes Ereignis (wie zum Beispiel Unfall, Todesfall, Erkrankung usw.)
2. Ereignis durch Persönlichkeitsmerkmale provoziert (gerichtlicher Prozeß, Verlust einer Position, Nichtbestehen einer Prüfung usw.)
Bei nahezu allen Hörsturzpatienten waren relevante Auslösesituationen, die zum Beginn der Erkrankung führten, zu finden. Ebenso zeigten Frauen als auch Männer einheitliche Persönlichkeitsmerkmale, die im Rahmen der psychoanalytischen Anamneseerhebung eruiert wurden, ferner waren auch in den stichprobenartigen MMPI-Untersuchungen deutliche Übereinstimmungen zu finden.Stimmten erhobene Persönlichkeitsmerkmale eines Patienten nicht mit denen der Hörsturzpopulation überein oder war keine auslösenden Situation zu erfahren, konnte mit großer Sicherheit davon ausgegangen werden, daß es sich nicht um einen Hörsturz handelte.
Im folgenden wird versucht, einen für den Hörsturzpatienten charakteristischen konstitutionellen Persönlichkeitstyp zu beschreiben. Hervorzuheben sind zunächst Charakteristika wie Perfektionismus und ein überhöhtes Anspruchsniveau, Ehrgeiz mit sich überforderndem Leistungsstreben, Pflichtbewußtsein bis hin zur Selbstaufgabe. Diese in ihrer Unerreichbarkeit Mißlingen in sich schließende Haltungen zeichnen sich durch regelrechte Wahrnehmungsstörungen aus: Der Hörsturzpatient nimmt selektiv nur ungelöste und unvollkommen gelöste Aufgaben war, nicht aber "erfolgreich" abgeschlossene. Das Fehlen der Erfolgserlebnisse also und die Unerreichbarkeit der überhöhten Ansprüche an sich selbst bewirken Spannungs- und Ermüdungszustände, bis irgendein äußeres Ereignis diese stets vorhandene ""Gereiztheit" aggraviert und einen Hörsturz auslöst.
Die gewöhnliche Einleitung des Hörsturzes besteht in einem Zustand verdrängter Wut. E scheinen spezifische psychoneurotische Symptome zu fehlen, die für den Abfluß aufgestauter Wut geeignet wären.
Zum Hörsturz (wie zum Morbus Menière, zur Migräne und zum Hypertonus) aus neurotischen Ursachen gehören der äußere und innere leistungskonflikt, ein äußerer und innerer Streß. Der Verzicht auf das Selbstwertgefühl unterhaltenden Erfolgserlebnisse und die Unfähigkeit, "Psychohygiene" (Entspannung, Erholung, Urlaub) zu betreiben, läßt die erforderliche Kraft, Belastung zu verarbeiten, nicht gedeihen. manchmal gelingt Entspannung im Ansatz, wird aber durch Schuldgefühle aus der Kindheit abgebrochen.
Zusammenfassend ist der Hörsturzpatient eine Persönlichkeit, die sich durch Enttäuschungen oder die Unfähigkeit, sich zu regenerieren, selbst schwächt, die einer Selbstüberforderung entgegenstrebt, die Grenzen der eigenen Belastbarkeit nicht erkennt und durch ein äußeres auf ihn eintreffendes Lebensereignis (auslösenden Situation) einen Hörsturz erleidet. Der Hörsturz ist dabei als "Schwachstelle" oder "Sicherung" anzusehen, um noch größeren Schaden zu verhüten. Diese Scheinlösung ist ein einen verhängnisvollen Kreislauf unterbrechendes Ereignis.
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