Nr. 20 Mai 1998

Positive Erfahrungen mit dem Biomentalen Tinnitus-Detraining

von Dr. med. Hans Greuel


Detraining ist die Kurzform des Begriffes Biomentales Dekonditionierungstraining. Ein solches Training ist in jeder Arztpraxis gleich welchen Fachgebietes möglich und kann sogar zu Hause vom Patienten selbst als Heimtherapie durchgeführt werden. Das Biomentale Dekonditionierungstraining entstammt der Biomentalen Therapie, die allerdings nur unter stationären oder teilstationären Bedingungen angewandt werden kann und eine spezielle Ausbildung des Arztes voraussetzt.

Zunächst möchte ich zum allgemeinen Verständnis der Biomentalen Therapie im ersten Teil meines Berichtes etwas weiter ausholen. um im zweiten Teil das Biomentale Tinnitus-Detraining als Angebot eines Allgemeinmediziners vorzustellen.

Was ist Biomentale Therapie?

Der Begriff "Biomental" bedeutet, daß biologische Reaktionen auf mentalem Wege zu therapeutischen Zwecken erzeugt werden.
Der Begriff "Biomental" soll zum Ausdruck bringen, daß eine mentale, d.h. eine geistige Beeinflussung zur Beendigung der Krankheit möglich und notwendig ist. Da mentale oder geistige Prozesse jedoch grundsätzlich privater Natur sind, ist impliziert, daß diese Beeinflussung nur vom Patienten selbst ausgehen und gesteuert werden kann. Das heißt, daß der Patient zuerst über die tieferen Gründe und die Wurzeln seines Leidens aufgeklärt werden muß, damit er versteht (Verstehen ist ein immanent mentaler Prozeß), was seine schmerzliche Lage verursacht hat und was er dagegen unternehmen kann.
Zum zweiten drückt der Begriff "Biomental" aber auch aus, daß die unmittelbar körperlich wirkenden biologischen Abläufe innerhalb des menschlichen neuro-endokrino-immunologischen Systems von entscheidender Bedeutung sind und über den mentalen Weg "neu eingestellt" werden müssen, um zur Ruhe, um ins Gleichgewicht zu kommen. Daß diese Ruhestellung therapeutisch über bestimmte Übungen, welche der Betroffene unter ärztlicher Anleitung systematisch erlernen und pflegen muß, wiedergewonnen werden kann, entspricht unseren Erfahrungen.
Seit 16 Jahren behandeln wir Hörsturz, Morbus Menière und Tinnitus mit der Biomentalen Therapie. Sie basiert auf den Erfahrungen, daß die vorgenannten Erkrankungen in Anspannungssituationen und -phasen auf psycho-neuro-immunologischen Wege entstehen. Auf reflektorischem Wege also werden Funktionsstörungen verursacht, die sich im Hörorgan in Form der vorgenannten Störungen bemerkbar machen. Nach einer gewissen Einwirkzeit, die in Anspannungsphasen gegeben ist, werden die gestörten Funktionsabläufe incl. ihrer Symptomatik konditioniert, d.h. im Gedächtnis gespeichert.
Der Tinnitus als psycho-neuro-immunologisches Innenohrsyndrom ist immer mit weiteren funktionellen Störungen kombiniert, wie z. B. Anspannungen der Nackenmuskulatur, Anspannungen der Kaumuskulatur, Schwellungszustände der Nasennebenhöhlenschleimhäute incl. der Folgeschäden der vorgenannten Parallelsymptomatik, ferner Minderdurchblutung des Innenohres, was neben Tinnitus letztendlich auch zum Hörsturz und auch zum Morbus Menière führt. Meist liegt zusätzlich eine Hyper- oder Hypotonie und in vielen Fällen eine Hypercholesterinämie vor. Hier muß darauf hingewiesen werden, daß untereinander keine kausalen Beziehungen vorherrschen, sondern das allen vorgenannten Syndromen eine gemeinsame Ursache zugrunde liegt, nämlich die Anspannung. Diese wirkt sich ganzheitlich über die PNI-Vernetzung in den verschiedenen Organsystemen aus.
Nehmen, wie bereits erwähnt, die Anspannungsphasen einen längeren Zeitraum in Anspruch, werden diese Funktionsstörungen konditioniert und bleiben bestehen, was Hals-Nasen-Ohren-Kollegen im Falle eines Tinnitus als chronischen Tinnitus bezeichnen. Wir hingegen ziehen den Begriff "Konditionierter Tinnitus" vor, weil er dekonditionierbar ist.
Die Therapie in der Praxis beeinhaltet therapeutische Gespräche, die sich mit der Auslösesituation bzw. -phase und dem seelischen Konflikt des Patienten befassen. Dabei handelt es sich in der Regel um eine Überforderungssituation, die z.B. durch finanzielle Belastungen, berufliche Überbeanspruchung, durch Pflegefälle innerhalb der Familie oder durch andere Schicksalsschläge zustande kommt. Der Patient selbst ist primär schon dadurch angespannt und deshalb gefährdet, weil er nämlich über eigentlich positive Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewußtsein, zuverlässigkeit,Genauigkeit etc. verfügt. Diese Persönlichkeitsmerkmale nehmen bereits viel Kraft in Anspruch, die dann als Schutz vor einer Überforderung fehlt, wenn zusätzliche Belastungen eintreten. Ein Nicht-"nein"-sagen-Können und primär gedankliche Weiterbeschäftigung kommen als weitere typische Persönlichkeitsmerkmale hinzu. Von entscheidender Bedeutung ist aber die verlorengegangene Fähigkeit, abschalten,entspannen und regenerieren zu können. Sie muß und kann wiedererlernt werden.
Neben der Bewußtmachung der Konflikte werden auch verhaltenstherapeutische Strategien vermittelt, um nicht nur Konflikte lösen, sondern auch damit umgehen und sie vermeiden zu lernen. Die therapeutischen Gespräche müssen mit äußerster Vorsicht gestaltet werden, da es sich bei diesen Hörstörungen bekanntlich um symptomatisch bedingte Hörstörungen bzw. konversionsneurotisch gefärbte Funktionsstörungen handelt.
Das heißt, es besteht die Gefahr, daß der Arzt etwas sagt, was der Patient nicht hören will, so daß er unbewußt mit Hilfe einer Zunahme der Symptomatik es auch nicht mehr hören kann. Eine Verstärkung der Beschwerden aber hätte bei Tinnituspatienten einen Therapieabbruch zur Folge. Aus diesem Grunde werden die Gespräche durch viel themenzentrierte, aber averbale Informationen kombiniert, wie z.B. über Videoanimationen mit Bildern, Symbolen, Farben und Klängen aus Naturgeräuschen und musikalischen Kompositionen usw.
Wenn der Konflikt verarbeitet ist, was bei lange zurückliegenden Erkrankungen oft von alleine geschehen sein kann, bleibt der Tinnitus auf Grund seiner Konditionierung trotzdem weiter bestehen. Aus diesem Grund ist ein Tinnitus-Dekonditionierungstraining, kurz Tinnitus-Detraining, erforderlich. Es besteht aus einer intensiven Reiztherapie, wobei es sich bei den Reizen um Sinnesreize in Form von speziellen haptischen, akustischen und optischen Reizen handelt. Die Patienten erleben dabei bestimmte physiologische Zustände wie z.B. eine Entspannung der Nackenmuskulatur, Entspannung der Kaumuskulatur Durchblutung des Kopfes, des Nackens und der Ohrmuscheln. Diese reflektorisch ausgelösten Zustände werden mit technisch unterstützten Wahrnehmnungsverstärkern provoziert, damit der Patient ein Erinnerungsbild hat, das er zu Hause während eines Audio-Kassettentrainings reproduzieren lernt. Das heißt, mit Hilfe einer Anleitungskassette muß der Patient regelmäßig die gewünschten Reflexe (also die Entspannung der Nacken- und Kaumuskulatur, Weitstellung der Blutgefäße im Kopfbereich etc.) erzeugen und damit konditionieren, was im Endeffekt zu einer Dekonditionierung des Tinnitus führt.
Auch wenn ein Tinnitus mehrere Jahre besteht, kann er noch sehr schwankend sein, mal stärker mal schwächer. Dieser Befund ist die günstigste Voraussetzung für ein Dekonditionierungstraining, weil ein schwankender Tinnitus dem eines akuten entspricht. Der sog. chronische Tinnitus äußert sich in einer konstanten Störung, d.h. die Ohrgeräusche ändern sich nie. Diese Ausgangsbasis ist weniger günstig, aber auch nicht hoffnungslos, denn erfahrungsgemäß beginnt der Tinnitus im Rahmen der Biomentalen Therapie zu schwanken. Dadurch gelangt er in eine günstigere Ausgangssituation. Vom Patienten selbst ist in diesem Fall allerdings mehr Geduld und Durchhaltevermögen zu erbringen.
Die Behandlung ist relativ einfach und wird als sehr angenehm empfunden. Die einzige Schwierigkeit ist, Ausdauer und Geduld zu bewahren und sich nicht unter Leistungsdruck zu setzen oder setzten zu lassen.
1992 haben wir einen Forschungsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erstellt, der vom Ministerium in der Reihe Forschungsberichte (214 b Sozialforschung) veröffentlicht wurde. Die Auswertung der Biomentalen Therapie wurde von einem neutralen Forschungsinstitut, dem Bochumer Sozialmedizinische Forschung e.V., unter der Leitung von Professor Dr. med. Viefhues, em. Ordinarius für Sozialmedizin der Universität Bochum, vorgenommen und eine Erfolgsquote der Biomentalen Therapie beim Hörsturz von rund 80 Prozent, beim Tinnitus von 87 Prozent und beim Morbus Menière von 90 Prozent ermittelt, wobei erwähnt werden muß, daß es sich bei allen Patienten um bereits konventionell austherapierte Patienten handelte, also sogenannte chronisch Kranke, die von der Schulmedizin als unheilbar ausgewiesen worden sind.

Das Detraining

Bevor die Patienten in meine Praxis kommen, haben sie bereits enttäuschende Erfahrungen mit anderen Behandlungen gemacht. Sie sind in der Regel schulmedizinisch austherapiert und wurden meist von einschlägigen Selbsthilfegruppen zum "Therapietourismus" verleitet. Die Gruppenleiter, selbst immer noch Tinnitus-betroffen, empfehlen ihren Mitgliedern: "Versucht alles, was angeboten wird, vielleicht hilft Euch irgend etwas, mir hat bisher nichts geholfen!"
Durch Mundpropaganda von Patient zu Patient und über Kollegen, die gute Erfahrungen mit den Erfolgen der Biomentalen Therapie gemacht haben, werden die aufgegebenen Betroffenen durch uns zunächst auf eine Heimtherapie aufmerksam gemacht. Sie besteht aus einer "Bibliotherapie" und dem Detraining.
Schon in der Antike wußte man um die Kraft des geschriebenen Wortes. In die wissenschaftliche Literatur ging der Begriff "Bibliotherapie" aber erst Anfang dieses Jahrhunderts in Amerika ein. "Lesen ist wie Wasser in der Wüste" haben viele unserer Patienten erfahren. "Das rechte Buch zur rechten Zeit" heißt nach dem Wiener Neurologen Viktor E. Frankl die Suche nach der Wahl des Lesestoffes. Der Titel unseres ersten Buches "Viel um die Ohren-Hörsturz, Schwindel, Ohrensausen (1986)" weist auf die Zusammenhänge zwischen Streß, wenn man nämlich viel um die Ohren hat, und Erkrankungen und Symptomen hin. Das ist für viele heute noch vollkommen neu. In den HNO-Praxen und -Kliniken werden derartige Zusammenhänge nur selten erwähnt, manchmal sogar vehement abgewiesen, wenn sie vom Patenten selbst vorsichtig in Erwägung gezogen werden. Beim Lesen des Buches gelangen die Patienten zu einer "Checkliste" von Persönlichkeitsmerkmalen, die als mitverantwortlich für die Entstehung des PNI-Innenohrsyndroms bzw. der drei Krankheitsbilder Hörsturz, Morbus Menière und Tinnitus bezeichnet werden.
"Als ich das Buch las, fragte ich mich, woher mich der Autor kennt" oder "Endlich fand ich das schriftlich bestätigt, was ich mir schon immer gedacht hatte" , waren einige der Aussagen von späteren Patienten, die es als sehr heilsam, hoffnungsspendend und symptomvermindernd empfanden, als sie dieses Buch entdeckt hatten. Auf diese Weise wurde es zum "Insidertip" für Betroffene.
Für die Therapie ist das Lesen dieses oder auch eines anderen unserer Bücher eine wichtige Voraussetztung, da sich der Patient vor Therapiebeginn tage-,wochen-,monate- und manchmal sogar jahrelang Gedanken über sich und seinen Lebensstil machen konnte. Das führte im Sinne der Bibliotherapie zur Selbsterkenntnis in bezug auf Konflikte, z.B. zwischen dem Wunsch nach Ruhe und dem schlechten Gewissen den Pflichten gegenüber, wenn man sich mal Ruhe könnt, oder zwischen psychischer und körperlicher Erschöpfung durch Überaktivität für andere und dem Wunsch, keine Angst mehr davor haben zu müssen, wenn man anderen gegenüber das Wort "nein" gebraucht. Auf dieser Basis sind tiefenpsychologisch fundierte therapeutische Gespräche gut möglich. Katharsis, das Phänomen von Heilung durch Lesen, Verstehen und Begreifen, wurde uns von einigen Lesern bestätigt, die also nur durch das Lesen eines unserer Bücher "geheilt" waren. Diese Phänomene und die zur Heilung führenden psych-neuro-immunologischen Mechanismen sind in der Psycho-physiologie seit langem bekannt. Gleiches gilt für das Detraining mittels der Biomentalen Klangtherapiekassetten "Biomentohr".
"Ich stieß im Oktober `93 nach einem Jahr vergeblicher Behandlung in der Uni-Bibliothek auf Dr. Greuels Buch "Viel um die Ohren", bestellte mir die Audiokassette "Biomentohr" und begann im November `93 regelmäßig mittags die Kassette zu Hören. Außerdem versuchte ich, nach den Richtlinien Dr. Greuels zu leben. Im April `94 hörten die Ohrgeräusche auf." Zitat einer geheilten Patientin aus dem Buch "Tinnitus ist heilbar".
Die Heimtherapie beeinhaltet also außer der Bibliotherapie das Detraining, das aus verschiedenen Biomentalen Klangtherapieelementen und organbezogenen Suggestionen besteht, die sich jahrelang unter klinischen Bedingungen bewähren mußten. Erst danach wurden sie in Form verschiedener Audiokassetten "Biomentohr" an Ärzte, die sie ihren Patienten "verschrieben" oder auch direkt an Betroffene, die sie verlangten, weitergegeben.
Vereinzelte, mit uns kooperierende Arztpraxen von Allgemeinmedizinern, aber auch HNO-Ärzten, Internisten, Orthopäden, Neurologen und Zahnärzten ermöglichen es dem Patienten bereits, in einem ruhigen Raum in entspannter Lage das Detraining vorzunehmen. In der Arztpraxis können sich die Patienten regelmäßig ungestört auf den Inhalt der Biometohr-Kassetten konzentrieren, was zu Hause z.B. in der Gegenwart von Kleinkindern oft nicht möglich ist. Auf diese Art und Weise kann aus jeder Arztpraxis ein "Tinnitus-Therapie-Zentrum" werden, was den Therapietourismus ein wenig eindämmen würde.

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